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Wie man eine wissenschaftliche Studie liest

Im Median melden 31 Prozent der Studien einen anderen Hauptendpunkt als registriert. So prüfen Sie IMRaD, Vorregistrierung, Spin und CONSORT in zehn Minuten.

Redaktion ForschungPferd Redaktion
Fachliche GegenlesungPosition noch nicht besetzt, offen ausgewiesen.

8 Min. Lesezeit Zuletzt fachlich geprüft Freier Zugang

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Zusammenfassung

Eine Studie liest man nicht von vorne nach hinten, sondern von der Fragestellung zum Hauptendpunkt. Prüfen Sie drei Dinge: Welcher einzelne Endpunkt war vorab festgelegt, stimmt er mit dem Registereintrag überein, und deckt sich die Zusammenfassung mit der Ergebnistabelle. In methodischen Übersichten weicht im Median rund ein Drittel der Studien beim Hauptendpunkt vom Register ab. Der Rest des Textes ist Interpretation.

20Primärquellen
50 %davon Stufe 1 bis 2
4untersuchte Arten
2004–2025Publikationsjahre

Das Wesentliche

  • IMRaD ist eine Leseanweisung: Methoden und Ergebnistabellen zuerst, Diskussion zuletzt.
  • Nur der vorab festgelegte Hauptendpunkt trägt eine Aussage; alles Weitere erzeugt Hypothesen.
  • Im Median weichen 31 Prozent der Studien beim Hauptendpunkt vom Registereintrag ab, bei vorab registrierten Studien sind es 41 Prozent.
  • In einer Auswertung von 72 Studien ohne Unterschied im Hauptendpunkt enthielt das Fazit der Zusammenfassung in 58 Prozent der Fälle beschönigende Formulierungen.
  • Ein randomisierter Versuch mit 300 Ärztinnen und Ärzten zeigte, dass beschönigte Zusammenfassungen eine Behandlung messbar wirksamer erscheinen lassen.

Der Aufbau verrät die Beweislast: IMRaD

Fast jede biomedizinische Originalarbeit folgt derselben Ordnung: Einleitung, Methoden, Resultate, Diskussion. Die Kurzform heisst IMRaD. Diese Form ist jünger, als man vermutet. Eine Auswertung von vier grossen Medizinzeitschriften über die Jahre 1935 bis 1985 zeigt, dass IMRaD in den 1940er-Jahren aufkam, in den 1970er-Jahren rund 80 Prozent der Originalarbeiten prägte und erst in den 1980er-Jahren das alleinige Muster war.

Der Aufbau ist keine Formsache, sondern eine Beweisordnung. Die Einleitung nennt die Frage. Die Methoden legen fest, was gemessen werden soll, und zwar bevor gemessen wurde. Die Resultate zeigen, was herauskam. Die Diskussion ordnet ein und hat damit den grössten Spielraum aller Abschnitte. Wer eine Studie prüfen will, liest deshalb zuerst die Methoden und die Ergebnistabellen und erst danach Zusammenfassung und Diskussion.

Hauptendpunkt: die eine Zahl, die zählt

Der Endpunkt ist die Messgrösse, an der eine Studie ihren Erfolg misst: die Zahl der Lahmheitsgrade, die Zeit bis zum Rückfall, der Anteil geheilter Tiere. Eine Studie darf viele Endpunkte messen, aber nur einer entscheidet über ihre Aussage.

Warum trägt nur ein einziger Endpunkt das Ergebnis?

Weil jede zusätzlich ausgewertete Messgrösse die Chance erhöht, allein durch Zufall einen Unterschied zu finden. Der Hauptendpunkt ist die Grösse, auf die eine Studie sich vorab festgelegt hat und nach der die Zahl der Teilnehmenden berechnet wurde. Sekundäre Endpunkte liefern Zusatzinformation, tragen aber keine Schlussfolgerung.

Vier Endpunkttypen und was sie belegen können
TypVorab festgelegtWas er belegen kann
Hauptendpunktja, in Register und Protokolldie eigentliche Aussage der Studie
Sekundärer Endpunktja, aber ohne eigene FallzahlplanungStützung oder Widerspruch, keine eigenständige Aussage
Explorativer Endpunktnein oder nur allgemein umrissenHypothesen für die nächste Studie
Surrogatendpunktje nach Studieeinen Zwischenschritt, nicht das eigentlich interessierende Ereignis

Besondere Vorsicht verlangt der Surrogatendpunkt. Er misst einen Zwischenschritt statt des Ereignisses, das eigentlich interessiert: einen Laborwert statt der Genesung, ein Bildgebungsmerkmal statt der Rückkehr zur Arbeit. Surrogate sind praktisch, weil sie früher und häufiger auftreten und die Studie damit kürzer und kleiner wird. Ob ein Surrogat den weiteren Verlauf zuverlässig vorhersagt, ist jedoch für jedes Krankheitsbild und jede Art eigens zu belegen und lässt sich nicht aus der Plausibilität ableiten.

Wie viel Spielraum in der Auswertung steckt, zeigt eine Übersicht über 22 methodische Untersuchungen mit zusammen 3'140 randomisierten Studien: Bei den Untergruppenanalysen wichen die Publikationen in 61 bis 100 Prozent der Fälle von den zugehörigen Studienunterlagen ab, bei den statistischen Analysen in 7 bis 88 Prozent. Untergruppen, die erst nach Sichtung der Daten auftauchen, sind Hypothesen und keine Resultate.

Vorregistrierung: der Vertrag vor dem Ergebnis

Seit 2005 verlangen die grossen medizinischen Zeitschriften, dass klinische Studien vor Einschluss der ersten Teilnehmenden in einem öffentlichen Register eingetragen werden. Der Eintrag hält Frage, Hauptendpunkt und Messzeitpunkt fest, bevor irgendein Resultat bekannt ist. Genau das macht ihn zum härtesten Prüfstein, den ein Leser hat: Registereintrag und Publikation lassen sich nebeneinanderlegen.

Der Effekt lässt sich beziffern. Unter 55 grossen, öffentlich finanzierten Herz-Kreislauf-Studien in den USA berichteten 57 Prozent der vor dem Jahr 2000 publizierten Arbeiten einen Nutzen der geprüften Massnahme, nach dem Jahr 2000 waren es noch 8 Prozent. Der Anteil an Studien mit Placebovergleich hatte sich in dieser Zeit nicht verändert, und eine Beteiligung der Industrie hing nicht mit der Wahrscheinlichkeit eines positiven Befunds zusammen. Der Bruch fällt zeitlich mit der Registrierungspflicht zusammen, was ein Zusammenhang und kein Beleg für eine Ursache ist.

Praktisch heisst das: Ein Registereintrag enthält ein Feld für den Hauptendpunkt samt Messzeitpunkt, ein Feld für die geplante Teilnehmerzahl und ein Datum. Systematische Übersichten werden in einem eigenen Register hinterlegt, bevor die Literatursuche beginnt. Wer diese drei Felder mit der Publikation vergleicht, führt die wichtigste Qualitätsprüfung in wenigen Minuten selbst durch, ohne eine einzige Zahl nachrechnen zu müssen.

Vorregistrierung ist aber kein Selbstläufer. Ein Vergleich von 193 vorregistrierten mit 193 nicht vorregistrierten psychologischen Arbeiten fand keinen geringeren Anteil positiver Befunde und keine kleineren Effekte. Vorregistrierte Arbeiten enthielten jedoch häufiger eine Fallzahlplanung und stützten sich auf grössere Stichproben. Ein Registereintrag wirkt also nur so gut, wie er präzise formuliert ist.

Outcome Switching: wenn der Endpunkt nachträglich wechselt

Wie oft weicht die Publikation vom Register ab?

Häufiger, als der Ruf der Fachliteratur vermuten lässt. Eine Übersicht über 27 methodische Untersuchungen fand im Median bei 31 Prozent der Studien eine Abweichung beim Hauptendpunkt; beschränkt auf vorab registrierte Studien stieg dieser Wert auf 41 Prozent. Im Median führten 13 Prozent der Arbeiten einen im Register gar nicht genannten Endpunkt neu ein.

Die Richtung der Abweichung ist selten neutral. In einer Auswertung von 180 Studien aus drei neurologischen Zeitschriften fehlten 21 Prozent der registrierten Hauptendpunkte in der Publikation, während 34 Prozent der Arbeiten einen nicht registrierten Hauptendpunkt ergänzten und 29 Prozent den Messzeitpunkt verschoben. Wo sich die Wirkung nachvollziehen liess, begünstigten zwei Drittel der schweren Abweichungen ein statistisch bedeutsames Resultat. In der plastischen Chirurgie waren von 145 Studien überhaupt nur 39 Prozent registriert, und von den 49 auswertbaren Arbeiten zeigten 88 Prozent mindestens eine Abweichung.

Was das für Übersichtsarbeiten bedeutet, zeigt eine Untersuchung an 283 Cochrane-Reviews: In einem Drittel steckte mindestens eine Studie mit starkem Verdacht auf selektive Ergebnisberichterstattung. Von 42 zusammenfassenden Analysen mit einem bedeutsamen Resultat verloren acht diese Bedeutsamkeit, sobald die fehlenden Daten berücksichtigt wurden.

Spin: wenn die Zusammenfassung mehr verspricht als die Zahlen

Spin bezeichnet Formulierungen, die ein Ergebnis günstiger erscheinen lassen, als die Zahlen es hergeben. Systematisch beschrieben wurde er 2010 an 72 randomisierten Studien, die im Hauptendpunkt keinen Unterschied gefunden hatten: 18 Prozent der Titel, 58 Prozent der Fazite in der Zusammenfassung und 50 Prozent der Fazite im Volltext stellten die geprüfte Behandlung trotzdem als vorteilhaft dar.

Der Befund betrifft nicht ein einzelnes Fachgebiet. Eine methodische Übersicht über 35 Erhebungen fand Spin in klinischen Studien, Beobachtungsstudien, Diagnosestudien und Übersichtsarbeiten; am häufigsten und am unterschiedlichsten ausgeprägt war er in klinischen Studien. Die beiden verbreitetsten Muster: Ergebnisse ohne Unterschied werden heruntergespielt, und für blosse Zusammenhänge wird ursächliche Sprache verwendet. Bei 52 Nichtunterlegenheitsstudien in der Onkologie ohne bedeutsames Hauptergebnis trat Spin in 75 Prozent der Berichte auf.

Dass Spin wirkt, ist selbst experimentell geprüft. In einem randomisierten Versuch beurteilten 300 Ärztinnen und Ärzte dieselben Studienergebnisse entweder in der Originalfassung mit Spin oder in einer neutral umgeschriebenen Fassung; die Zuteilung erfolgte zufällig, und die Beurteilenden kannten die Fragestellung nicht. Die Fassung mit Spin liess die Behandlung auf einer Skala von 0 bis 10 im Schnitt um 0,7 Punkte wirksamer erscheinen.

CONSORT und PRISMA: Checklisten als Lesehilfe

CONSORT ist die Berichtsnorm für randomisierte Studien. Die Fassung von 2025 umfasst 30 Punkte, darunter sieben neue, sowie erstmals einen eigenen Abschnitt zu offener Wissenschaft: Protokoll, Analyseplan, Datenverfügbarkeit. PRISMA erfüllt dieselbe Aufgabe für systematische Übersichten und zusammenfassende Analysen; die Fassung von 2020 zählt 27 Punkte und ein Flussdiagramm, das die Auswahl der eingeschlossenen Studien nachvollziehbar macht.

Als Leserin oder Leser muss man diese Listen nicht auswendig kennen. Ihr Nutzen liegt darin, dass sie benennen, was fehlen darf und was nicht. Eine Methodenübersicht über 50 Erhebungen mit zusammen 16'604 randomisierten Studien fand: In Zeitschriften, die sich zu CONSORT bekennen, war die verdeckte Zuteilung in 45 Prozent der Arbeiten ausreichend beschrieben, in Zeitschriften ohne solche Selbstverpflichtung nur in 22 Prozent. Auch im besseren Fall bleibt also mehr als die Hälfte unklar.

Verdeckte Zuteilung heisst, dass niemand vorhersehen kann, in welche Gruppe der nächste Teilnehmer kommt. Fehlt diese Angabe, lässt sich nicht beurteilen, ob die Gruppen wirklich vergleichbar entstanden sind. Das ist kein Formfehler, sondern eine Lücke im Beweis.

Tier- und Pferdestudien: zwei zusätzliche Fragen

Für Tierversuche gilt die ARRIVE-Norm, aktuell in der Fassung 2.0 mit zehn Kernpunkten. Eine systematische Auswertung von 263 Publikationen mit 275 Tierexperimenten aus einem einzelnen Gebiet, der präklinischen Forschung zu abbaubaren Metallimplantaten bei Knochendefekten, fand bei diesen zehn Kernpunkten einen Erfüllungsgrad von rund 42 Prozent. Ob dieser Wert auch für die Pferdeforschung gilt, ist damit nicht gesagt. Wer eine Pferdestudie liest, prüft deshalb zuerst, ob Zahl der Tiere, Art der Zuteilung und Verblindung überhaupt genannt sind.

Die zweite Frage betrifft die Finanzierung. Eine Auswertung von 126 randomisierten Studien aus der Veterinärmedizin, darunter Arbeiten an Pferden, Rindern, Hunden, Katzen und Schafen, fand positive Resultate in 56,9 Prozent der von der Pharmaindustrie finanzierten Studien, gegenüber 34,9 Prozent bei anderer Finanzierung und 29,1 Prozent ohne Angabe der Geldquelle. Das ist ein Zusammenhang und kein Nachweis absichtlicher Verzerrung, aber ein guter Grund, die Finanzierungsangabe zu suchen. In derselben Auswertung war das Verzerrungsrisiko bei einem grossen Teil der Studien schlicht nicht beurteilbar, weil die Angaben fehlten.

Ein Leseraster in zehn Minuten

Die folgenden sechs Schritte lassen sich an jeder frei zugänglichen Publikation durchführen, ohne statistische Vorkenntnisse und ohne Zugang zu Rohdaten.

  1. Studienart bestimmen: randomisierter Versuch, Beobachtungsstudie, Fallserie, Laborarbeit oder Übersicht. Die Art begrenzt, was die Studie überhaupt beantworten kann.
  2. Art und Zahl der untersuchten Lebewesen notieren: Pferd, Mensch, Nagetier oder Zellmodell, und wie viele.
  3. Hauptendpunkt suchen. Steht dort mehr als einer, ist die Studie bereits offen für Auswahl im Nachhinein.
  4. Registernummer suchen und den Eintrag öffnen. Vergleichen Sie Hauptendpunkt und Messzeitpunkt Zeile für Zeile.
  5. Ergebnistabelle zum Hauptendpunkt lesen, danach erst das Fazit der Zusammenfassung. Bei Abweichung gilt die Tabelle.
  6. Finanzierung, Interessenkonflikte und Datenverfügbarkeit nachschlagen. Fehlende Angaben sind selbst eine Information.

Dieses Raster ersetzt keine methodische Ausbildung. Es filtert aber zuverlässig jene Arbeiten heraus, bei denen die Überschrift mehr verspricht als der Datensatz, und genau das ist der häufigste Grund für falsche Erwartungen an eine Behandlung.

Prüfraster: welches Dokument gegen welches Dokument

Eigene Auswertung

Zusammengestellt aus den in diesem Beitrag zitierten Erhebungen: für jede Prüffrage der Ort im Artikel, das passende Vergleichsdokument, die in der Methodenforschung gemessene Häufigkeit des Problems und die Folge für das Fazit.
PrüffrageWo im ArtikelWomit vergleichenGemessene Häufigkeit des ProblemsFolge für das Fazit
Ist genau ein Hauptendpunkt genannt?Methoden, Abschnitt EndpunkteRegistereintrag vor StudienbeginnVon 323 publizierten Studien waren 45,5 Prozent ausreichend registriertOhne festen Hauptendpunkt ist jedes positive Resultat ein Fund unter vielen
Stimmt der publizierte Hauptendpunkt mit dem registrierten überein?Methoden gegen RegistereintragClinicalTrials.gov, ISRCTN, PROSPEROMedian 31 Prozent Abweichung, bei vorab registrierten Studien 41 ProzentDer berichtete Effekt kann der günstigste von mehreren sein
Wurde der Messzeitpunkt verschoben?Methoden und ResultateRegistereintrag und ProtokollIn 180 Neurologiestudien 29 ProzentEin anderer Zeitpunkt kann die Richtung des Ergebnisses drehen
Sind Untergruppen vorab geplant?Methoden, AnalyseplanProtokoll oder statistischer AnalyseplanAbweichungen bei Untergruppen in 61 bis 100 Prozent der geprüften ArbeitenNachträgliche Untergruppen sind Hypothesen, keine Resultate
Deckt sich das Fazit mit der Ergebnistabelle?Zusammenfassung gegen ErgebnistabelleVolltext, Abschnitt ResultateBeschönigende Fazite bei 58 Prozent von 72 ausgewerteten Studien ohne Unterschied im HauptendpunktLeserinnen und Leser bewerten die Behandlung messbar günstiger
Ist die Zuteilung verdeckt beschrieben?Methoden, RandomisierungCONSORT 2025, Punkt zur Zuteilung45 Prozent in Zeitschriften, die sich zu CONSORT bekennen, 22 Prozent ohneOhne diese Angabe ist das Verzerrungsrisiko nicht beurteilbar
Bei Tierstudien: Tierzahl, Zuteilung, Verblindung angegeben?Methoden, Abschnitt TiereARRIVE 2.0, zehn KernpunkteErfüllungsgrad rund 42 Prozent in 275 Tierexperimenten eines einzelnen FachgebietsOhne diese Angaben bleibt die Aussagekraft offen

Grenzen und Unsicherheiten

  • Nahezu alle Häufigkeitszahlen stammen aus der Humanmedizin. Für die Pferdemedizin existiert keine vergleichbar breite Erhebung zu Endpunktwechseln oder Spin, und die hier zitierte Zahl zur ARRIVE-Erfüllung stammt aus einem einzelnen präklinischen Fachgebiet.
  • Die Streuung zwischen den Erhebungen ist gross: In der Übersicht über 27 methodische Untersuchungen reichten die Abweichungsraten je nach Fachgebiet und Auswertungsmethode von 0 bis 100 Prozent.
  • Methodenforschung misst Berichterstattung, nicht Durchführung. Eine schlecht berichtete Studie kann sauber durchgeführt worden sein, und eine vorbildlich berichtete Studie kann methodisch schwach sein.
  • Ob Vorregistrierung selbst die Ergebnisse verändert, ist nicht abschliessend geklärt: In der Psychologie liess sich kein Rückgang positiver Befunde nachweisen, in der Herz-Kreislauf-Forschung dagegen ein deutlicher.
  • Die zitierten Erhebungen betreffen überwiegend englischsprachige, indexierte Zeitschriften. Nie publizierte Studien bleiben per Definition ausserhalb jeder solchen Zählung.
  • CONSORT, PRISMA und ARRIVE sind Berichtsnormen, keine Qualitätsbewertungen. Vollständige Berichterstattung schliesst Verzerrung nicht aus, sie macht sie nur sichtbar.

Offene Fragen

  • Wie hoch ist die Rate nachträglicher Endpunktwechsel in veterinärmedizinischen und speziell in equinen klinischen Studien?
  • Würde eine verpflichtende Vorregistrierung in der Tiermedizin den Anteil positiver Befunde senken, wie es in der öffentlich finanzierten Herz-Kreislauf-Forschung beobachtet wurde?
  • Welche Formen von Spin erkennen Leserinnen und Leser ohne methodische Ausbildung zuverlässig, und welche nicht?
  • Verringern strukturierte Registereinträge mit hinterlegtem Analyseplan die Zahl nachträglicher Untergruppenanalysen messbar?

Häufige Fragen

Reicht es, nur die Zusammenfassung zu lesen?

Nein, und zwar aus einem messbaren Grund. In einer Auswertung von 72 randomisierten Studien, die im Hauptendpunkt keinen Unterschied fanden, enthielt das Fazit der Zusammenfassung in 58 Prozent der Fälle Formulierungen, die die Behandlung dennoch als vorteilhaft darstellten; in 18 Prozent bereits der Titel. Ein randomisierter Versuch mit 300 Ärztinnen und Ärzten zeigte zudem, dass solche Formulierungen die eingeschätzte Wirksamkeit tatsächlich anheben. Die Zusammenfassung ist ein Werbetext im besten Sinn: sie soll zum Weiterlesen bewegen. Die belastbare Information steht in den Methoden und in der Ergebnistabelle zum Hauptendpunkt.

Was ist der Unterschied zwischen Hauptendpunkt und sekundärem Endpunkt?

Der Hauptendpunkt ist die eine Messgrösse, auf die sich die Studie vor Beginn festgelegt hat und nach der die Zahl der Teilnehmenden berechnet wurde. Nur er trägt die Aussage der Studie. Sekundäre Endpunkte werden mitgemessen, haben aber keine eigene Fallzahlplanung; sie können ein Ergebnis stützen oder ihm widersprechen, begründen aber für sich allein keine Schlussfolgerung. Je mehr Endpunkte ausgewertet werden, desto grösser die Chance, rein zufällig irgendwo einen Unterschied zu finden. Deshalb ist eine Studie, die im Hauptendpunkt nichts zeigt und im Fazit einen sekundären Endpunkt hervorhebt, mit Vorsicht zu lesen.

Wo finde ich den Registereintrag zu einer Studie?

Meist am Ende der Zusammenfassung oder im Methodenteil, als Nummer mit einem Präfix wie NCT, ISRCTN oder CRD. Diese Nummer gibt man in das entsprechende Register ein und erhält die Fassung, die vor Studienbeginn hinterlegt wurde, samt Änderungsverlauf. Interessant sind drei Felder: der Hauptendpunkt, der Zeitpunkt seiner Messung und das Datum der Registrierung im Verhältnis zum Studienbeginn. Findet sich keine Nummer, ist das selbst eine Information. In einer Auswertung plastisch-chirurgischer Studien waren nur 39 Prozent der Arbeiten überhaupt registriert.

Woran erkenne ich Spin, ohne Statistik zu können?

An drei wiederkehrenden Mustern, die keine Rechnung erfordern. Erstens: Das Fazit spricht über einen anderen Endpunkt als die Fragestellung. Zweitens: Ein Vergleich innerhalb einer Gruppe vor und nach der Behandlung wird betont, statt der Vergleich zwischen den Gruppen. Drittens: Für einen blossen Zusammenhang wird ursächliche Sprache verwendet, also verbessert statt geht einher mit. Eine methodische Übersicht über 35 Erhebungen nennt genau diese Muster als die verbreitetsten. Der einfachste Test bleibt der Rückvergleich zwischen Fazit und Ergebnistabelle.

Ist eine Studie an Pferden weniger wert als eine an Menschen?

Nein, sie beantwortet eine andere Frage. Eine gut gemachte Studie an Pferden ist die beste verfügbare Evidenz für Pferde und sagt für sich genommen nichts über Menschen aus; umgekehrt gilt dasselbe. Der Wert einer Studie bemisst sich daran, wie gut sie die Frage beantwortet, die sie gestellt hat. Zusätzlich gilt für Tierstudien eine eigene Berichtsnorm, ARRIVE 2.0 mit zehn Kernpunkten, deren Erfüllungsgrad in einer Auswertung von 275 Tierexperimenten aus der präklinischen Implantatforschung bei rund 42 Prozent lag. Fehlen Tierzahl, Zuteilung und Verblindung, lässt sich die Aussagekraft nicht beurteilen, unabhängig von der Art.

Was bedeutet es, wenn eine Studie gar nicht registriert ist?

Es bedeutet, dass kein unabhängiges Dokument existiert, an dem sich die Publikation prüfen lässt. Die Studie kann trotzdem sauber gemacht sein, aber der Leser hat keinen Weg, das zu überprüfen. In einer Auswertung von 323 Studien aus drei Fachgebieten waren 45,5 Prozent ausreichend registriert, der Rest gar nicht, erst nach Studienende oder ohne klar benannten Hauptendpunkt. Bei nicht registrierten Arbeiten gewinnen deshalb andere Merkmale an Gewicht: eine klar formulierte Hypothese im Methodenteil, eine offene Datenablage und eine vollständige Angabe der Finanzierung.

Quellen

  1. Sollaci LB, Pereira MG. The introduction, methods, results, and discussion (IMRAD) structure: a fifty-year survey. Journal of the Medical Library Association, 2004 (Querschnittstudie | Artunabhängig)PMID 15243643
    In vier führenden Medizinzeitschriften trat die IMRaD-Gliederung in den 1940er-Jahren auf, erreichte in den 1970er-Jahren rund 80 Prozent der Originalarbeiten und war erst in den 1980er-Jahren das ausschliessliche Muster.
  2. Hopewell S, Chan AW, Collins GS, Hrobjartsson A, Moher D, Schulz KF, Boutron I. CONSORT 2025 Statement: Updated Guideline for Reporting Randomized Trials. JAMA, 2025 (Fachempfehlung | Artunabhängig)DOI 10.1001/jama.2025.4347
    Die aktualisierte CONSORT-Checkliste umfasst 30 Punkte, darunter sieben neue Punkte und erstmals einen eigenen Abschnitt zu offener Wissenschaft; erarbeitet in einer Delphi-Befragung mit 317 Teilnehmenden.
  3. Page MJ, McKenzie JE, Bossuyt PM, Boutron I, Hoffmann TC, Mulrow CD, Moher D. The PRISMA 2020 statement: an updated guideline for reporting systematic reviews. BMJ, 2021 (Fachempfehlung | Artunabhängig)DOI 10.1136/bmj.n71
    PRISMA 2020 ersetzt die Fassung von 2009 und legt eine Checkliste mit 27 Punkten, eine eigene Checkliste für Zusammenfassungen sowie überarbeitete Flussdiagramme für systematische Übersichten fest.
  4. Turner L, Shamseer L, Altman DG, Weeks L, Peters J, Kober T, Moher D. Consolidated standards of reporting trials (CONSORT) and the completeness of reporting of randomised controlled trials (RCTs) published in medical journals. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2012 (Systematische Übersichtsarbeit | Mensch)DOI 10.1002/14651858.MR000030.pub2
    Aus 53 Publikationen mit 50 Erhebungen und insgesamt 16'604 randomisierten Studien: In Zeitschriften, die sich zu CONSORT bekennen, war die verdeckte Zuteilung in 45 Prozent der Arbeiten ausreichend beschrieben gegenüber 22 Prozent in Zeitschriften ohne solche Selbstverpflichtung.
  5. Mathieu S, Boutron I, Moher D, Altman DG, Ravaud P. Comparison of registered and published primary outcomes in randomized controlled trials. JAMA, 2009 (Querschnittstudie | Mensch)DOI 10.1001/jama.2009.1242
    Von 323 publizierten randomisierten Studien waren nur 45,5 Prozent ausreichend registriert; unter diesen zeigten 31 Prozent Abweichungen zwischen registrierten und publizierten Endpunkten, und wo die Wirkung beurteilbar war, begünstigten 82,6 Prozent statistisch bedeutsame Resultate.
  6. Jones CW, Keil LG, Holland WC, Caughey MC, Platts-Mills TF. Comparison of registered and published outcomes in randomized controlled trials: a systematic review. BMC Medicine, 2015 (Systematische Übersichtsarbeit | Mensch)DOI 10.1186/s12916-015-0520-3
    Über 27 methodische Untersuchungen lag der Median der Studien mit Abweichung beim Hauptendpunkt bei 31 Prozent (Spannweite 0 bis 100 Prozent), bei prospektiv registrierten Studien bei 41 Prozent; unter den Untersuchungen mit ausführlicher Beschreibung führten im Median 13 Prozent der Arbeiten einen nicht registrierten Endpunkt neu ein.
  7. Dwan K, Gamble C, Williamson PR, Kirkham JJ. Systematic review of the empirical evidence of study publication bias and outcome reporting bias - an updated review. PLoS One, 2013 (Systematische Übersichtsarbeit | Mensch)DOI 10.1371/journal.pone.0066844
    Aus 20 eingeschlossenen Kohortenstudien: In drei davon hatten statistisch bedeutsame Endpunkte eine zwei- bis fast fünfmal höhere Chance auf vollständige Berichterstattung; im Vergleich von Publikationen mit Protokollen hatten 40 bis 62 Prozent der Studien mindestens einen Hauptendpunkt geändert, ergänzt oder weggelassen.
  8. Dwan K, Altman DG, Clarke M, Gamble C, Higgins JP, Sterne JA, Williamson PR, Kirkham JJ. Evidence for the selective reporting of analyses and discrepancies in clinical trials: a systematic review of cohort studies of clinical trials. PLoS Medicine, 2014 (Systematische Übersichtsarbeit | Mensch)DOI 10.1371/journal.pmed.1001666
    In 22 Untersuchungen mit 3'140 randomisierten Studien wichen Publikationen bei Untergruppenanalysen in 61 bis 100 Prozent und bei statistischen Analysen in 7 bis 88 Prozent der Fälle von den Studienunterlagen ab, meist ohne Begründung.
  9. Kirkham JJ, Dwan KM, Altman DG, Gamble C, Dodd S, Smyth R, Williamson PR. The impact of outcome reporting bias in randomised controlled trials on a cohort of systematic reviews. BMJ, 2010 (Kohortenstudie | Mensch)DOI 10.1136/bmj.c365
    In 34 Prozent von 283 Cochrane-Reviews steckte mindestens eine Studie mit starkem Verdacht auf selektive Ergebnisberichterstattung; von 42 zusammenfassenden Analysen mit bedeutsamem Resultat verloren acht diese Bedeutsamkeit nach Korrektur.
  10. Howard B, Scott JT, Blubaugh M, Roepke B, Scheckel C, Vassar M. Systematic review: Outcome reporting bias is a problem in high impact factor neurology journals. PLoS One, 2017 (Systematische Übersichtsarbeit | Mensch)DOI 10.1371/journal.pone.0180986
    In 180 Studien aus drei neurologischen Spitzenzeitschriften fehlten 21 Prozent der registrierten Hauptendpunkte, 34 Prozent der Arbeiten ergänzten einen nicht registrierten Hauptendpunkt und 29 Prozent verschoben den Messzeitpunkt; zwei Drittel der beurteilbaren schweren Abweichungen begünstigten bedeutsame Resultate.
  11. Hudson AS, Morzycki AD, Samargandi OA, Williams JG. Discrepancies between Registered and Published Primary and Secondary Outcomes in Randomized Controlled Trials within the Plastic Surgery Literature: A Systematic Review. Plastic and Reconstructive Surgery, 2020 (Systematische Übersichtsarbeit | Mensch)DOI 10.1097/PRS.0000000000006370
    Von 145 randomisierten Studien der plastischen Chirurgie waren nur 39 Prozent registriert; von den 49 auswertbaren Arbeiten zeigten 88 Prozent mindestens eine Abweichung zwischen registrierten und publizierten Endpunkten.
  12. Boutron I, Dutton S, Ravaud P, Altman DG. Reporting and interpretation of randomized controlled trials with statistically nonsignificant results for primary outcomes. JAMA, 2010 (Querschnittstudie | Mensch)DOI 10.1001/jama.2010.651
    Unter 72 randomisierten Studien ohne Unterschied im Hauptendpunkt enthielten 18 Prozent der Titel, 58 Prozent der Fazite in der Zusammenfassung und 50 Prozent der Fazite im Volltext beschönigende Darstellungen des Behandlungseffekts.
  13. Boutron I, Altman DG, Hopewell S, Vera-Badillo F, Tannock I, Ravaud P. Impact of spin in the abstracts of articles reporting results of randomized controlled trials in the field of cancer: the SPIIN randomized controlled trial. Journal of Clinical Oncology, 2014 (Randomisierte Studie | Mensch)DOI 10.1200/JCO.2014.56.7503
    300 zufällig zugeteilte Ärztinnen und Ärzte bewerteten die geprüfte Behandlung nach Lektüre einer Zusammenfassung mit Spin auf einer Skala von 0 bis 10 im Mittel um 0,71 Punkte wirksamer als nach der neutral umgeschriebenen Fassung.
  14. Chiu K, Grundy Q, Bero L. 'Spin' in published biomedical literature: A methodological systematic review. PLoS Biology, 2017 (Systematische Übersichtsarbeit | Mensch)DOI 10.1371/journal.pbio.2002173
    Aus 35 Erhebungen: Spin tritt in klinischen Studien, Beobachtungsstudien, Diagnosestudien und Übersichtsarbeiten auf, am stärksten und am variabelsten in klinischen Studien; häufigste Muster sind das Herunterspielen nicht bedeutsamer Ergebnisse und unzulässig ursächliche Sprache.
  15. Ito C, Hashimoto A, Uemura K, Oba K. Misleading Reporting (Spin) in Noninferiority Randomized Clinical Trials in Oncology With Statistically Not Significant Results: A Systematic Review. JAMA Network Open, 2021 (Systematische Übersichtsarbeit | Mensch)DOI 10.1001/jamanetworkopen.2021.35765
    In 39 von 52 onkologischen Nichtunterlegenheitsstudien ohne bedeutsames Hauptergebnis (75 Prozent) fand sich Spin, in 34 der 52 Berichte (65 Prozent) bereits in der Zusammenfassung; assoziiert waren neuartige Prüfbehandlungen und eine ausschliesslich gemeinnützige Finanzierung.
  16. Kaplan RM, Irvin VL. Likelihood of Null Effects of Large NHLBI Clinical Trials Has Increased over Time. PLoS One, 2015 (Kohortenstudie | Mensch)DOI 10.1371/journal.pone.0132382
    Von 55 grossen, öffentlich finanzierten Herz-Kreislauf-Studien berichteten 57 Prozent der vor 2000 publizierten Arbeiten einen Nutzen gegenüber 8 Prozent der nach 2000 publizierten; die Vorregistrierung war stark mit dem Trend zu Nullbefunden verbunden, die Industriefinanzierung nicht.
  17. van den Akker OR, van Assen MALM, Bakker M, Elsherif M, Wong TK, Wicherts JM. Preregistration in practice: A comparison of preregistered and non-preregistered studies in psychology. Behavior Research Methods, 2023 (Querschnittstudie | Mensch)DOI 10.3758/s13428-023-02277-0
    Im Vergleich von 193 vorregistrierten mit 193 nicht vorregistrierten psychologischen Arbeiten fanden sich weder weniger positive Befunde noch kleinere Effekte, wohl aber häufiger Fallzahlplanungen und grössere Stichproben in den vorregistrierten Arbeiten.
  18. Ding F, Hu K, Liu X, Liu C, Yang J, Shi X, Ma B. Quality of reporting and adherence to the ARRIVE guidelines 2.0 for preclinical degradable metal research in animal models of bone defect and fracture: a systematic review. Regenerative Biomaterials, 2022 (Systematische Übersichtsarbeit | Mehrere Arten)DOI 10.1093/rb/rbac076
    In 263 Publikationen mit 275 Tierexperimenten zu abbaubaren Metallimplantaten in Knochendefekt- und Frakturmodellen lag die Übereinstimmung mit den zehn Kernpunkten von ARRIVE 2.0 bei 42,0 Prozent und mit dem empfohlenen Zusatzsatz bei 41,5 Prozent; Angaben zu Studiendesign und Verzerrungsvermeidung fehlten oft. Der Wert gilt für dieses Fachgebiet, nicht für die Tierforschung insgesamt.
  19. Wareham KJ, Hyde RM, Grindlay D, Brennan ML, Dean RS. Sponsorship bias and quality of randomised controlled trials in veterinary medicine. BMC Veterinary Research, 2017 (Querschnittstudie | Mehrere Arten)DOI 10.1186/s12917-017-1146-9
    In 126 veterinärmedizinischen randomisierten Studien an Pferden, Rindern, Hunden, Katzen und Schafen lag der Anteil positiver Resultate bei 56,9 Prozent mit Pharmafinanzierung gegenüber 34,9 Prozent bei anderer und 29,1 Prozent bei nicht angegebener Finanzierung; das Verzerrungsrisiko war meist unklar.
  20. McPeek JL, Menarim B, Sponseller B, McClendon M, Adam EN, Adams AA, Slone S, Page AE. Agreement between veterinarians and three objective evaluation systems in naturally occurring equine lameness. Equine Veterinary Journal, 2025 (Querschnittstudie | Pferd)DOI 10.1111/evj.70116
    Bei 25 Pferden im Trab auf der Geraden war die Übereinstimmung zwischen drei objektiven Messsystemen höher als zwischen zwei Tierärztinnen und Tierärzten, und die Beurteilung der Hinterbeine stimmte durchwegs schlechter überein als jene der Vorderbeine.

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